Im Moment berührt: die Sprache des Körpers
- Kai-Uwe Schöning

- 10. Juni
- 2 Min. Lesezeit
An diesen langen, hellen Tagen geraten wir leicht in einen Sog aus Aktivität. Alles wird schneller, voller, dichter. Und manchmal verwechseln wir dieses ständige Tun mit wirklicher Lebendigkeit, während der eigentliche Boden – der innere Raum, der Körper, die Beziehung zu uns selbst – aus dem Blick gerät. Der Sommer zieht uns nach aussen, bis wir kaum noch spüren, worauf wir eigentlich stehen.
In der Körper- und Atemtherapie taucht immer wieder eine grundlegende Frage auf: Was verändert sich, wenn wir wirklich aufmerksam werden? Wir wissen, dass Bewusstheit hilfreich ist. Doch was genau geschieht, wenn wir eine Empfindung im Körper wahrnehmen, ohne sie zu korrigieren oder zu steuern? Viele Menschen haben gelernt, Bewusstheit bedeute, innerlich einen Schritt zurückzutreten und die Erfahrung aus Distanz zu betrachten. Das kann Orientierung geben, greift aber zu kurz. Denn Regulation entsteht nicht durch Abstand, sondern durch Beziehung – durch ein verkörpertes, präsentes Hinwenden.
Aus der Perspektive der Körper- und Atemtherapie ist Aufmerksamkeit ein aktiver Kontakt. Wenn wir einer Empfindung mit neugieriger, atmender Präsenz begegnen, ohne sie zu analysieren oder zu managen, reagiert der Körper. Die innere Umgebung verändert sich. Spannung, die sich gehalten hat, beginnt sich zu organisieren, nicht weil wir sie „lösen“, sondern weil sie endlich gespürt wird. Mit „gespürt“ ist ein spezifischer Modus gemeint: Ein direktes, nicht‑wertendes Dasein – so, wie man neben einem Menschen sitzt, der Unterstützung braucht, ohne Agenda, ohne Druck. Dieses einfache, klare Hinwenden aktiviert eine neuro‑somatische Rückkopplungsschleife, die uns in einen tieferen und entspannteren Kontakt mit uns selbst bringt. Das Fühlen ist nicht Vorbereitung auf die Praxis. Es ist die Praxis. Und es zeigt sich immer wieder: Der Körper muss nicht repariert werden. Was er wirklich braucht ist Kontakt, Raum und eine Präsenz, die ihn wahrnimmt.
Sie können es selbst ausprobieren: Finden Sie eine Stelle, an der Sie Spannung halten, z. B. Schultern, Kiefer, Brust. Versuchen Sie nicht, sie zu verändern. Versuchen Sie stattdessen neugierig zu werden: Wie zeigt sich dieses Halten? Hat es eine Form, eine Temperatur, eine Bewegung? Bleiben Sie drei, vier Atemzüge bei dieser Empfindung. Nicht eingreifen. Nur offen und ohne Erwartungen begegnen. Und spüren Sie, was geschieht, wenn die Spannung nicht mehr umgangen, sondern wirklich wahrgenommen wird.
Das ist die innere Schleife, die zu wirken beginnt.
Bewusstheit beginnt mit Beobachtung – ihre regulierende Kraft entfaltet sich, wenn wir von innen heraus fühlen. Einfach von innen heraus fühlen.




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